Mauersegler auf dem Dachboden

Mauersegler sind besondere Vögel, anders als die meisten Wildvögel kennen sie keine Scheu vor den Menschen, denn sie halten sich fast ausschließlich im Luftraum auf und dort können ihnen Menschen kaum in die Quere kommen. Selten gibt es direkte Begegnungen, und wenn doch, dann faszinieren diese Wesen durch ihren eleganten Körperbau und insbesondere ihre großen tiefschwarzen Augen. Sie fixieren ihr Gegenüber und es beschleicht einen sehr schnell das Gefühl, dass Mauersegler uns in die Seele schauen können.

apus-2016-4Vor zwei Jahren hatte ich hier mein Erlebnis mit einem jungen Mauersegler beschrieben, dieses Jahr ist es nun wieder passiert, dass ein Junges aus dem Nest unter dem Dach sich auf meinen Dachboden verirrt hat. Im Gegensatz zu damals war es diesmal aber ein fast flügges Kerlchen (oder Weibchen?), das erheblich größer und schwerer war. Er brachte 42 Gramm auf die Küchenwaage, eigentlich schon ein ideales Startgewicht für einen Mauersegler. Allerdings waren am Ansatz seiner Schwungfedern noch ganz leicht die Federspulen sichtbar, ein Zeichen dafür, dass er noch nicht ganz ausgewachsen für den ersten Flug war.

apus-2016-1So fand er ersteinmal eine Unterkunft in einer Plastikbox, darin ein altes Handtuch und ein paar Blätter von der Küchenrolle als Unterlage. Da er sehr unruhig wirkte und damit sein Stress etwas abgebaut wurde, bekam er noch ein Tuch über die Box, durch das dämmrige Licht saß er tatsächlich viel stiller da. Sobald man das Tuch wegnahm, beobachtete er genau seine Umgebung und versuchte, an den Wänden hochzuklettern.

Was macht man nun mit so einem kleinen Kerl? Der erste Gedanke natürlich: Der muss ja irgendwie was fressen! apus-2016-6Beflügelte Ameisen, die gegenwärtig hier eine echte Plage sind, ignorierte er konsequent – nun gut – eine Nacht wird er schon durchhalten. Ein Tropfen Wasser auf den Schnabel ließ er sich gefallen, aber viel extra Wasser braucht ein Mauersegler wohl nicht. Am nächsten Tag habe ich dann ein paar lebende Steppengrillen aus dem Zoogeschäft geholt, ich war überrascht, dass man so etwas problemlos zu kaufen bekommt. Ein Gekrabbel und Geraschel, das es eine Freude war…
Allerdings machte sich der Segler nicht allzuviel daraus und ließ mich etwas ratlos stehen. apus-2016-5Nach etlichen Versuchen, ihm die Krabbeldinger einzuverleiben fand ich einen Hinweis, dass Mauersegler in den letzten Tagen vor dem Ausfliegen oft gar keine Nahrung mehr aufnehmen, um so ihr perfektes Startgewicht durch Training und Hungern zu finden. Sie lassen auch in der freien Natur ihre fütterungswilligen Eltern abtreten und nehmen nichts oder fast nichts mehr zu sich.

Heute morgen hatte er ein Gewicht von exakt 40 Gramm und war sehr unruhig in seiner Box. apus-2016-7Ich untersuchte ihn noch einmal, seine Federspulen waren nicht mehr sichtbar, fressen wollte er noch immer nicht, versuchte stattdessen nur noch aus der Box zu kommen, ein ungestümer Drang in die Freiheit des Himmels. Ich war mir unsicher, ob es wirklich der richtige Zeitpunkt für seinen Start wäre. aber bis auf das Wetter sprach wohl nichts mehr dagegen. Letztendlich wäre aber alles weitere Verzögern nur eine Qual für den kleinen Kerl und so fuhren wir auf den Berg der Alteburg um den Segler dort in seine Freiheit zu entlassen. Als ich ihn aus der Box nahm war er kaum noch zu halten, der Wind wehte ihm um den Schnabel und sein Kopf drehte sich fast wie bei einer Eule in alle Richtungen.

apus-2016-3Er war mindestens so aufgeregt wie wir, denn jetzt kam der Moment, indem seine Schwungfedern ihn das erste Mal tragen sollten. Als ich meine linke Hand von ihm nahm und er somit frei war, breitete er seine Flügel aus, zögerte noch einen kleinen Moment und flatterte von der Hand. Würde er es schaffen? Schon in der nächsten Sekunde bekam er richtig Wind unter die Flügel und stieg in einem großen Bogen in Richtung Norden um sich sofort zu besinnen, dass er da eigentlich nicht hin will. Wie zum Abschied wendete er und zog dann schnell an Höhe gewinnend noch einmal an uns vorbei und dann nach Süden ab.

apus-2016-2Alles ging so schnell, dass wir es nicht schafften, noch ein Foto zu machen, nach wenigen Augenblicken war er dann im Himmel verschwunden, hoffentlich hat er genug Kraft für seinen Weg in den Süden und sein zukünftiges Leben in der Luft. Und vielleicht ist er im nächsten Sommer wieder über unseren Köpfen.